Deutschland steht diesen Herbst wieder im Dunkeln, sobald das Wetter kaputtgeht. Wenn Windstille auf graue Himmel trifft, bleibt von der grünen Euphorie nur noch die kalte Realität eines Stromnetzes, das immer häufiger an seine Grenzen stößt – und plötzlich auf versteckte Reserven zurückgreifen muss.
Die plötzliche Ruhe im Windpark

Plötzlich dreht sich kein Rotor mehr, Photovoltaik-Flächen liefern nur magere Kilowattstunden – und der tägliche Strombedarf rauscht gnadenlos nach oben. Binnen weniger Stunden müssen die Netzbetreiber Ersatzleistung hochfahren, um Frequenz und Spannung zu halten. Die launische Witterung hat sich in diesem Oktober schon mehrfach als größter Feind der Energiewende erwiesen.
Die Folge: Übertragungsnetzbetreiber wie 50Hertz oder Tennet rufen immer häufiger die sogenannte Netz- und Kapazitätsreserve ab, also stillgelegte Kohle- und Ölkraftwerke, die eigentlich längst Geschichte sein sollten. Weiter geht’s mit einem Blick hinter die Kulissen der Leitstellen …
Alarmstufe Rot in der Netzleitstelle

In den Leitstellen herrscht dann Hochbetrieb: Ampeln springen auf Rot, Dispatcher aktivieren binnen Minuten Blöcke wie das Steinkohlekraftwerk Heyden 4 oder die Reservegasturbinen in Irsching. Jeder abrufbare Megawatt zählt, um die Lastkurve zu glätten.
Gleichzeitig laufen internationale Hochspannungsleitungen heiß, weil Frankreichs Atomstrom und Dänemarks Windinseln einspringen müssen. Importquoten von bis zu 10 Gigawatt sind keine Seltenheit mehr – ein Rekordwert seit dem Atomausstieg. Doch was kostet dieses Feuerwerk an Absicherung eigentlich?
Wenn Sicherheit teuer wird

Die Bundesnetzagentur kalkuliert allein für 2025 Redispatch- und Reservekosten von über 6 Mrd. Euro. Jede Stunde Reservebetrieb frisst Millionen – Kosten, die über die Netzentgelte schließlich den Endverbraucher treffen. Schon jetzt drohen die Strompreise im November auf über 50 ct/kWh zu klettern.
Unternehmen reagieren nervös: Aluminium- und Chemiewerke melden Kurzarbeit, weil sie die Preisspitzen nicht mehr abfedern können. Damit wird die Versorgungskrise zum Standortproblem. Welche Kraftwerke dürfen jetzt noch ans Netz – und welche neuen sollen gebaut werden?
Comeback der Gaskraft – aber wer zahlt?

Die Regierung plant bis 2035 bis zu 70 neue H₂-ready-Gaskraftwerke, um genau diese Flauten zu überbrücken. Doch Brüssel blockt bisher milliardenschwere Kapazitätszahlungen ab. Ohne Subvention drohen Bauträger abzuspringen, denn die neuen Blöcke laufen nur wenige hundert Stunden pro Jahr.
Währenddessen springen alte Kohlemeiler wie Neurath D und Boxberg B kurzfristig wieder an – eigentlich ein Klimagau. Wirtschaftsministerin Reiche verteidigt das Vorgehen dennoch: „Versorgungssicherheit geht vor.“ Gibt es grünere Alternativen, um solche Engpässe künftig zu meistern?
Batteriespeicher und Wasserstoff im Praxistest

RWE baut in Gundremmingen gerade den größten Batteriespeicher Deutschlands (700 MWh). Theoretisch könnte er eine Stadt wie Augsburg zwei Stunden lang versorgen – danach ist er leer. Für tagelange Dunkelflauten reicht das nicht.
Power-to-Gas-Anlagen produzieren zwar schon regenerativen Wasserstoff, doch deren Wirkungsgrad bleibt gering. Experten sehen sie frühestens ab 2030 als Massenlösung. Bis dahin bleibt die Reserve fossiler Natur. Am Ende entscheidet die Politik, wie diese Zwickmühle gelöst wird …
Zoff in Berlin – und was wirklich auf dem Spiel steht

Im Bundestag liefern sich Koalition und Opposition den nächsten Schlagabtausch: Die einen wollen schnellere Wind-Genehmigungen, die anderen eine Rückkehr zur Kernenergie. Parallel warnt die Industrie vor Blackouts, sollten die Reserven einmal nicht rechtzeitig anspringen.
Fest steht: Ohne massiv beschleunigten Netzausbau, flexible Verbraucher und steuerbare Kraftwerke wird Deutschland seine Klimaziele verfehlen – und seine Stromrechnung weiter nach oben treiben. Und genau hier schließt sich der Kreis: Fehlen Wind und Sonne, entscheidet am Ende die Reserve, ob das Licht anbleibt – oder ganz ausgeht. Damit endet unsere Stromreise – die nächste Wetterfront ist bereits in Sicht.