Eine gewaltige Rauchfahne legt sich über den Himmel Südwesteuropas; aus der Ferne grollen Donner wie aus heiterem Himmel. Noch weiß kaum jemand, dass sich in den Flammen ein seltenes Naturphänomen zusammenbraut – und dass Zehntausende bereits alles hinter sich lassen mussten.
Flammenmeer unter wolkenlosem Himmel

Die ersten Berichte gingen am Wochenende ein: Anwohner meldeten wogende Feuerwalzen, die sich in einem ausgedörrten Küstenwald ihren Weg bahnten. Innerhalb weniger Stunden kletterten die Temperaturen dort auf Werte jenseits der 40-Grad-Marke, während ein gnadenloser Wind das Inferno mit jeder Böe weiter anfachte.
Schon bald türmte sich über den Flammen eine rußgeschwärzte Säule in die Höhe – so hoch, dass selbst erfahrene Brandbekämpfer den Blick nicht abwenden konnten. Gewöhnlicher Waldbrand-Qualm war das nicht, sondern ein Vorbote von etwas, das Europa in dieser Form nur selten erlebt.
Menschen auf der Flucht

Kurz darauf ertönten in mehreren Gemeinden die Sirenen. Evakuierungsbusse ratterten durch menschenleere Straßen, Haustiere in Transportboxen, Kinder mit Kopfhörern gegen den Krach der Rotorblätter. Über 320 000 Menschen verließen in Eile ihr Zuhause; wer konnte, nahm das Nötigste mit, wer nicht, ließ ganze Lebenswerke in der Hektik zurück.
Die nächtliche Flucht verwandelte Autobahnen in endlose Lichterketten. Unterdessen tobte das Feuer unbeeindruckt weiter und fraß sich in rasantem Tempo durch Pinienwälder, Weinberge und Ferienanlagen – eine Kulisse, die noch Tage zuvor als Urlaubsparadies galt.
Ein Feuer, das sein eigenes Wetter macht

Meteorologen sprechen von einem Pyrocumulonimbus – einer Art hausgemachtem Gewitter, das entsteht, wenn Hitze und Rauch schlagartig kilometerhoch aufsteigen. In der Aschewolke bildet sich Wasserdampf, der wiederum Blitzentladungen auslöst. Die Blitze jedoch schlagen außerhalb des eigentlichen Brandherds ein und setzen neue Herde in Brand – ein höllischer Kreislauf, der Löschflugzeuge an ihre Grenzen bringt.
Selbst mitten in der Nacht erhellen Feuerbälle den Horizont, während Asche wie Schneeflocken auf verlassene Dörfer rieselt. Experten warnen, dass solche selbstverstärkenden Feuerstürme künftig häufiger auftreten könnten: Längere Dürreperioden, schwache Winterregen und knappe Wasserreserven lassen Europas Wälder zu trockenem Zunder werden.
Das Geheimnis lüftet sich – und wie lange die Gefahr bleibt

Erst jetzt geben die Behörden die heikle Koordinate preis: Im Département Gironde im Südwesten Frankreichs, rund um die Gemeinden Saumos, Lacanau und Lège-Cap-Ferret nördlich von Bordeaux, brennt seit dem 22. Juli eine Fläche von mehr als 420 Quadratkilometern. Zwei Feuerwehrleute kamen bereits ums Leben, hunderte Kollegen aus ganz Europa kämpfen Seite an Seite gegen die Flammen.
Trotz massiver Löschangriffe aus der Luft rechnen Einsatzleiter damit, dass der Brand – begünstigt von anhaltender Hitze und kommenden Winddrehern – mindestens bis November lodern könnte. Erst wenn frühherbstliche Regenfronten einsetzen, dürfte das gigantische Feuer seinen Brennstoff verlieren. Bis dahin bleibt der Himmel über Gironde glutrot – und ganz Europa hält den Atem an.