Deutschlands Gasspeicher sind so leer wie seit Jahren nicht mehr – und das kurz vor der Heizperiode. Die Nervosität in Politik und Wirtschaft wächst, denn die kalte Jahreszeit rückt näher, während der Füllstand nur langsam klettert.
Verhaltene Vorräte sorgen für Unruhe

Deutschlands unterirdische Gasspeicher weisen aktuell einen Füllstand von lediglich rund 56 Prozent auf – ein Wert, der selbst im langjährigen Vergleich ungewöhnlich niedrig ist. Energieversorger und Analysten erinnern daran, dass die Speicher zu diesem Zeitpunkt des Jahres oft schon die 70-Prozent-Marke übertroffen haben.
Mit jedem Tag, an dem die Temperaturen sinken, steigt der Druck: Verbraucher fürchten steigende Heizkosten, die Industrie bangt um Planungssicherheit und Bundesländer mit großem Gasbedarf schlagen Alarm. Niemand möchte eine Wiederholung der angespannten Situation des Winters 2022/23 erleben, als kurzfristige Einkäufe zu unberechenbaren Preisen notwendig waren.
Preissignale laufen ins Leere

Eigentlich sollten hohe Großhandelspreise einen Anreiz bieten, mehr Gas einzulagern – doch der Effekt bleibt aus. Händler berichten, dass Spot-Lieferungen derzeit knapp und langfristige Kontrakte teuer sind. Gleichzeitig schrecken viele Marktakteure davor zurück, größere Mengen auf eigenes Risiko in die Speicher zu legen.
Die Bundesregierung hatte bislang darauf gesetzt, dass der Markt die Füllstandsvorgaben aus eigener Kraft erreicht. Branchenexperten warnen jedoch, dass ohne zusätzliche Impulse bald kritische Schwellenwerte unterschritten werden könnten. In der öffentlichen Debatte mehren sich deshalb Stimmen, die ein rasches Eingreifen des Staates fordern.
Ministerin erhöht den Druck

Wirtschaftsministerin Katherina Reiche verweist zwar weiterhin auf die Verantwortung der Gasimporteure, machte in den vergangenen Tagen jedoch deutlich, dass sie „alle Optionen“ prüft. Hinter verschlossenen Türen ließ sie durchblicken, dass ein Unterschreiten der 60-Prozent-Marke kein „hinnehmbares Szenario“ sei.
Gleichzeitig versucht das Ministerium, zusätzliche Liquidität in den Handel zu bringen, um Speicherkapazitäten attraktiver zu machen. Diskutiert wird über steuerliche Anreize und die zeitweise Aussetzung bestimmter Regulierungspflichten. Offiziell heißt es allerdings, man wolle „keine falschen Preiszeichen setzen“.
Staatskonzerne sollen’s richten

Erst jetzt wird klar, wie weit die Planungen tatsächlich reichen: Reiche hat den bundeseigenen Importeur Sefe sowie das teilverstaatlichte Energieunternehmen Uniper beauftragt, kurzfristig größere Gasmengen zu beschaffen und einzulagern. Beide Häuser haben der Regierung nach Insiderangaben signalisiert, „alle verfügbaren Beschaffungswege“ zu nutzen, um den Speicherstand noch vor Beginn der Heizsaison deutlich über 70 Prozent zu heben.
Damit greift die Ministerin zu jenem Instrument, das sie lange vermieden hatte – staatlich gestützte Beschaffungen über Staatskonzerne. Die Branche reagiert gespalten: Während Verbrauchervertreter den Schritt als überfällig begrüßen, warnen Händler vor Marktverwerfungen. Fest steht: Die kommenden Wochen entscheiden, ob Deutschland mit ausreichend Reserve in den Winter geht oder erneut auf teure Notkäufe angewiesen sein wird.