Ganz Kaunas jagt per Smartphone einen mutmaßlichen Doppelmörder – eine moderne Variante von „M – Eine Stadt sucht einen Mörder“. Zwei junge Frauen sind tot, die Angst geht um, doch dann wird aus Furcht Entschlossenheit.
Zwei Leichen, eine Stadt in Alarmbereitschaft

Die grausame Entdeckung schlägt am Donnerstagabend wie ein Schock in Kaunas ein: Erst wird eine 22-Jährige mit aufgeschlitzter Kehle gefunden, kaum Stunden später taucht eine zweite Tote (24) an einem anderen Ort auf. Die Polizei warnt, der Täter sei bewaffnet und höchst gefährlich, doch konkrete Spuren fehlen – die 300-000-Einwohner-Stadt verharrt in nervöser Stille.
Noch weiß niemand, dass der Verdächtige Benas M. längst zwischen den Wohnblocks umherstreift. Wie die Bewohner innerhalb kürzester Zeit zu einer digitalen Bürgerwehr werden und warum eine unscheinbare App dabei die Hauptrolle spielt, lesen Sie gleich.
Die Warnung der Polizei und der digitale Aufruf

Nachdem ein Überwachungsvideo den 29-Jährigen aufnimmt, veröffentlicht die Kripo sein Foto – in schwarzer Jacke, Kapuze tief ins Gesicht gezogen. Statt abzuwarten, gründet ein IT-Student den Kanal „Raskime žudiką“ („Lasst uns den Killer finden“) in der Funk-App Zello; binnen Stunden melden sich weit über 1 000 Nutzer. Über Push-to-Talk teilen sie Sichtungen, Kartenpings und Kleidungsdetails in Echtzeit – die offizielle Leitstelle lauscht staunend mit.
Je länger die Polizei mahnt, niemand solle den Mann eigenhändig stellen, desto entschlossener wird die Crowd. Welches kleine Detail den Jägern schließlich den entscheidenden Hinweis liefert, verrät die nächste Station.
Die Nacht der Jagd: Eine rote Jacke sticht heraus

Kurz nach 22 Uhr funkt eine Stimme: „Er trägt jetzt Rot!“ Der Täter hat die Kleidung gewechselt, glaubt sicher zu sein – doch seine neue, knallrote Jacke leuchtet in jedem Handy-Video. Binnen Minuten formieren sich spontane Suchtrupps, von Tankstellen bis Bushaltestellen flackern Handy-Lichter. Audioclips voller Herzklopfen gehen viral: „Er rennt Richtung Kalniečiai-Park!“
Die Stadt ist plötzlich ein Live-Schachbrett, auf dem Zivilisten die Figuren verschieben. Warum ein harmloser Stadtpark zum dramatischen Finale wird, zeigt die folgende Episode.
Showdown im Kalniečiai-Park

23 Uhr 50: Eine Autofahrerin rammt den Flüchtenden leicht, drei junge Männer springen aus dem Gebüsch, ringen ihn zu Boden, Pfefferspray wechselt die Richtung, ein Tritt fliegt – alles binnen Sekunden. In der dunklen Grünanlage bilden Passanten einen Ring, filmen, rufen Polizei-Codes durch die App. Als die Beamten eintreffen, blutet der Verdächtige im Gesicht; in seinem Rucksack liegt ein 20-Zentimeter-Messer.
Videos vom Festhalten kursieren sofort, einige werden wegen Gewalt gelöscht. Doch wie reagiert die Justiz auf eine Festnahme, bei der halbe Stadt und Handy-Kameras Zeugen sind? Das klärt der nächste Abschnitt.
Gericht in Kaunas: Teilgeständnis und U-Haft

Am Sonntagmorgen, noch in derselben Jacke, sitzt Benas M. hinter Panzerglas im Kauno apylinkės teismas. Die Richterin ordnet drei Monate Untersuchungshaft an; laut Staatsanwaltschaft gesteht der 29-Jährige „in Teilen“. Motiv: angeblicher Wohnungsdeal, eine der Frauen soll seine Cousine gewesen sein. Ermittler prüfen nun Spuren an Messer, Kleidung und Handy – die Community vor dem Gerichtsgebäude jubelt, andere warnen vor Lynchjustiz.
Ob die App-Jagd als Blaupause für künftige Fahndungen taugt oder ein gefährlicher Präzedenzfall bleibt, darüber entbrennt nun die Debatte – mehr dazu im Schlusskapitel.
App-Justiz auf dem Prüfstand

Litauens Innenministerium lobt die Zivilcourage, fordert aber Regeln gegen Eskalation; Datenschützer zweifeln, ob private Ortungsdaten in Massen-Chats rechtlich zulässig sind. Tech-Analysten sehen in Zello & Co. ein neues Machtinstrument der Straße, das Polizei-Funk überholt – jederzeit, überall.
Kaunas bleibt erleichtert, doch die Frage steht im Raum: Wird die nächste Großfahndung einen Schritt weiter gehen – vielleicht mit Drohnen, Gesichtserkennung, KI-Auswertung? Die Diskussion darüber hat gerade erst begonnen.