Ein Routinebesuch beim Kieferorthopäden wird zum Skandal, der eine ganze Stadt erschüttert – und am Ende ein fragwürdiges Urteil bringt.
Ein vertrauensvoller Termin, der zum Albtraum wurde

In der Tuttlinger Praxis des 33-jährigen Kieferorthopäden begann alles unspektakulär: Kontrollen, Abdrucknahmen, das übliche Smalltalk-Plätschern. Doch während die Bohrer surrten, geschah Unvorstellbares. Der Arzt rieb sein bekleidetes, erigiertes Glied an den Oberarmen seiner Patientinnen und drang mit den Fingern so tief in ihre Münder ein, dass Würgereiz einsetzte – Bewegungen, die mit Zahnmedizin nichts zu tun hatten.
Die ersten beiden Opfer verließen die Praxis schweigend, doch das mulmige Gefühl wuchs. Als sie voneinander erfuhren, kippten Angst in Wut und Scham in Mut. Sie gingen zur Polizei – der Anfang vom Ende der scheinbar makellosen Karriere.
Weiter geht’s mit den Stimmen der Betroffenen …
Acht junge Frauen brechen ihr Schweigen

Die beiden Anzeigen setzten eine Lawine in Gang. Bald meldeten sich sechs weitere Patientinnen, alle Anfang zwanzig, die identische Erlebnisse schilderten. Das Muster war immer gleich: ein vermeintlich zufälliger Körperkontakt, gefolgt von eindeutig sexuellen Handlungen unter dem Deckmantel medizinischer Griffe.
Mit jedem neuen Bericht wurde klarer, dass es sich nicht um Einzelfälle, sondern um eine systematische Ausnutzung der Behandlungssituation handelte. Die Stadt Tuttlingen hielt den Atem an, als das Ausmaß publik wurde.
Doch wie kam die Polizei dem Täter wirklich auf die Spur? …
Jagd nach Beweisen: Die Kripo tritt auf den Plan

Ermittler durchsuchten die Praxisräume, sicherten Patientenakten, befragten das gesamte Personal. Aussagen von Assistentinnen lieferten zusätzliche Namen möglicher Opfer, die bislang geschwiegen hatten. Die Ermittler erkannten schnell ein klares Täterprofil: ein Jungmediziner, dem sein Charme die Tür zum Missbrauch öffnete.
Die gesammelten Aussagen passten wie Puzzleteile – genug, um die Staatsanwaltschaft Rottweil zu einem Strafbefehl von elf Monaten Haft auf Bewährung und Geldstrafe zu bewegen.
Aber warum kam es dann trotzdem zu einer öffentlichen Gerichtsverhandlung? …
Der Gerichtssaal wird zum Spiegelraum der Scham

Der Angeklagte legte Einspruch gegen den Strafbefehl ein – vielleicht in der Hoffnung auf Freispruch, vielleicht aus Trotz. Vor dem Amtsgericht Tuttlingen saßen 18 Zeugen, die ihre intimsten Erlebnisse schilderten. Jede Aussage bohrte sich tiefer in die Fassade des Arztes, bis ihm Richterin und Verteidiger unmissverständlich klar machten: Ein Urteil könnte härter ausfallen als der bestehende Strafbefehl.
In einer dramatischen Kehrtwende zog der Kieferorthopäde seinen Einspruch zurück. Der Strafbefehl blieb bestehen, ein Urteil blieb aus – und das Publikum blieb fassungslos.
Was bedeutete diese Wendung für die Zukunft des Zahnarztes? …
Bewährungsstrafe statt Gefängnis – Empörung im Publikum

Elf Monate auf Bewährung, dazu eine Geldstrafe: Für viele Zuschauer und Opfer ein spürbar zu mildes Ergebnis. Ein Berufsverbot verhängte das Gericht nicht. Stattdessen verwies es auf die Ärztekammer, die nun über den Entzug der Approbation entscheiden muss.
Die Staatsanwaltschaft signalisierte, dass das medizinische Standesrecht häufig strenger ist als das Strafrecht. Doch bis zur endgültigen Entscheidung darf der Beschuldigte theoretisch weiterpraktizieren – wenn auch nicht mehr in Tuttlingen.
Bleibt die Frage: Welche Folgen hat das Urteil für die Opfer – und für den Ruf des Berufsstandes? …
Das Nachspiel: Wird der Mediziner je wieder behandeln?

Die Betroffenen hoffen auf Gerechtigkeit abseits des Strafrechts: zivilrechtliche Klagen wegen Schmerzensgeld stehen im Raum, Beratungsstellen bieten Traumahilfe. Für sie ist die Sache längst nicht vorbei.
Ob der Kieferorthopäde seine Lizenz verliert, entscheidet jetzt die Ärztekammer Baden-Württemberg. Sollte sie ihm die Approbation entziehen, wäre das der späte, aber deutliche Schlussstrich unter einen Fall, der gezeigt hat, wie dünn der Schutzmantel des Vertrauens im Behandlungsstuhl sein kann – und wie laut die Opfer werden, wenn er reißt.
Damit endet die Geschichte – und lässt dennoch offene Fragen nach Konsequenzen für das System, das solche Taten erst möglich machte.