Ein milliardenschweres Finanzloch, steigende Gesundheitskosten und immer lauter werdende Forderungen nach einem „rauchfreien Deutschland“ – die Bundesregierung greift erneut tief in ihr steuerpolitisches Instrumentenkästchen. Doch was genau plant Berlin hinter verschlossenen Türen? Noch hüllt sich das Finanzministerium in Schweigen, dennoch sickern erste Details durch, die Raucher:innen kaum gefallen dürften.
Haushaltskrise als Druckmittel

Die Koalition steht unter enormem Druck, die klaffende Lücke im Bundeshaushalt zu schließen. Seit Wochen verhandeln Bundesfinanzminister Christian Lindner und seine Kabinettskolleg:innen über zusätzliche Einnahmequellen, um ambitionierte Investitionsprojekte in Verteidigung, Digitalisierung und Klimaschutz zu finanzieren.
Gleichzeitig steigt der finanzielle Aufwand für das Gesundheitswesen rasant. Krankenhausreformen, Pflegezuschüsse und die notwendige Stärkung der gesetzlichen Krankenversicherung verschlingen jedes Jahr Milliarden. Die Idee, auf ungesunde Genussmittel zurückzugreifen, klingt daher für viele Abgeordnete verführerisch – zumal eine politische Mehrheit die Maßnahme bereits in Grundzügen mitträgt.
Während Sparpakete an anderer Stelle heftig umstritten sind, erfährt ein kräftiger Aufschlag bei der Tabaksteuer erstaunlich wenig Widerstand. In internen Runden heißt es, man wolle zugleich „Löcher im Etat stopfen“ und „die öffentliche Gesundheit schützen“. Eine doppelte Legitimation, die der Regierung in Zeiten wachsender sozialer Spannungen zupasskommt.
Der Blick auf Europas Rauchschwaden

Internationale Vergleiche liefern eine argumentative Steilvorlage: In Frankreich kostet die Standardpackung bereits mehr als elf Euro, in Irland sogar bis zu fünfzehn. Deutschland rangiert dagegen weiterhin im hinteren Mittelfeld der EU.
Diese Diskrepanz gebe insbesondere Jugendlichen einen fatalen Anreiz, so das Mantra der Weltgesundheitsorganisation (WHO). Studien belegen, dass Preissteigerungen gerade Einstiegsraucher:innen wirksam abschrecken. Für die Ampelregierung kommt hinzu, dass sich Brüssel seit Jahren für eine Angleichung der Steuersätze starkmacht – eine Debatte, die nun Fahrt aufnimmt.
Gesundheitspolitiker:innen der SPD und der Union verweisen auf alarmierende Zahlen: Jährlich sterben rund 131.000 Menschen in Deutschland an den Folgen des Rauchens, die volkswirtschaftlichen Schäden beziffern sich laut Bundesdrogenbeauftragtem Hendrik Streeck auf über 100 Milliarden Euro. Vor diesem Hintergrund sei es „zynisch“, so Streeck, geringere Steuern mit drohenden Mindereinnahmen zu begründen. Die öffentliche Meinung? Laut aktuellen Umfragen befürworten fast 60 Prozent der Bürger:innen härtere Maßnahmen gegen Tabak.
Geheime Zahlen und wachsende Kritik

Obwohl die Eckpunkte des Haushalts 2027 bereits feststehen, liegen die Details zur neuen Tabaksteuerreform offiziell noch unter Verschluss. Hinter den Kulissen ist jedoch von „modifizierten Aufschlagsstufen“ die Rede, die deutlich über den Pfad hinausgehen, den der Bundestag erst 2021 beschlossen hatte.
Kritiker warnen vor einem Boom des Schwarzmarkts. Der Bundesverband der Tabakwirtschaft befürchtet, Schmuggler könnten noch lukrativere Geschäfte wittern, wenn die Ladenpreise weiter steigen. Gesundheitsverbände halten dagegen: „Illegale Importe dürfen nicht als Vorwand dienen, notwendige Prävention zu sabotieren.“
Auch wirtschaftsliberale Stimmen innerhalb der Regierung mahnen zur Vorsicht. Zu hohe Preise könnten einkommensschwache Raucher:innen unverhältnismäßig belasten. Das Finanzministerium verweist indes auf flankierende Maßnahmen: Ein Teil der Mehreinnahmen solle in Suchtprävention, Entwöhnungsprogramme und Kontrollen gegen Zigarettenschmuggel fließen. Doch selbst in eigenen Reihen regt sich Unmut: „Die Reihenfolge ist falsch – erst Alternativen schaffen, dann verteuern“, heißt es aus FDP-Kreisen.
Jetzt liegt die Zahl auf dem Tisch

Seit dem Wochenende ist klar, wie hoch die Regierung die Latte tatsächlich legen will. Interne Papiere, die dem Redaktionsnetzwerk Deutschland vorliegen, veranschlagen für eine 20er-Packung Zigaretten bereits 2027 einen Durchschnittspreis von 9,10 Euro – das sind 33 Cent mehr als bislang geplant. 2028 soll der Betrag auf 9,91 Euro, 2029 auf 10,81 Euro und schließlich 2030 auf satte 11,78 Euro klettern.
Damit übertrifft der neue Entwurf die bisherige Steigerungskurve in jedem Jahr deutlich. Parallel soll auch der Feinschnitt – Tabak zum Selbstdrehen – kräftiger besteuert werden, um Schlupflöcher zu schließen. Offiziell begründet die Koalition das Paket mit dem Ziel, die Raucherquote bis 2030 um mindestens fünf Prozentpunkte zu senken. Ob dieser Plan aufgeht, wird sich erst in einigen Jahren zeigen. Fest steht: Raucher:innen müssen sich schon bald auf deutlich tiefere Griffspuren im Portemonnaie einstellen.