Ein namhafter Russland-Experte schlägt Alarm: Moskau könne seinen Krieg gegen die Ukraine noch bis zu eineinhalb Jahre aus eigenen Mitteln finanzieren. Doch hinter dieser Zahl verbergen sich komplexe Zusammenhänge, widersprüchliche Einschätzungen und ein Rennen gegen die Zeit, das der Kreml, Kiew und der Westen zugleich bestreiten.
Die Warnung aus Berlin

Alexander Gabuev, Direktor des Carnegie Russia Eurasia Center, schätzt die russischen Finanzreserven so ein, dass Wladimir Putin noch „zwölf bis 18 Monate“ genügend Geld für den Feldzug hat. Er stützt sich auf Haushaltszahlen, Öleinnahmen und den verbliebenen Staatsfonds. Gabuev betont, dass selbst nach fast vier Kriegsjahren noch immer Milliardenreserven mobilisierbar seien.
Der Experte verknüpft seine Prognose jedoch mit einer klaren Mahnung: Nur „massiv verschärfte Sanktionen“ könnten die Kriegskasse schneller austrocknen. Was genau Russlands Kassen heute noch reichlich füllt, verrät ein Blick auf den Energiemarkt – lassen Sie uns dort beginnen.
Was Russlands Kriegskasse derzeit füllt

Trotz Preisdeckel verkauft der Kreml Rohöl in Rekordmengen an Abnehmer in Asien; ein Fass Ural-Öl bringt selbst nach Abschlägen harte Devisen. Allein der Energiesektor generierte 2025 fast ein Drittel der russischen Staatseinnahmen, dazu kommen höhere Rubel-Steuern auf Exportgewinne.
Die Kombination aus weiter fließendem Öl-Geld und einem im Inland extrem günstigen Wechselkurs stabilisiert die Militärausgaben – vorerst. Doch der Westen versucht, genau an diesem Hebel anzusetzen. Wie das aussieht, zeigt das neueste Sanktionspaket.
Die neue Sanktionsfront des Westens

Im Oktober verabschiedete die EU ihr 19. Sanktionspaket, ab 2027 gilt ein vollständiges Pipeline-Gasembargo; die USA belegten zugleich Rosneft und Lukoil direkt mit Finanzsperren. Washington und Brüssel hoffen, so den Zufluss harter Währung zu stoppen und Technologielieferungen lahmzulegen.
Dennoch fließen weiter Milliarden. Gabuev warnt, dass Lücken in den Regeln und halbherzige Kontrollen die Wirkung um Monate verlängern können. Wer die Schlupflöcher nutzt und wie das funktioniert, zeigt ein genauer Blick auf die weltweiten Ölrouten.
Schlupflöcher: Ölströme im Schatten

Indien, China und die Vereinigten Arabischen Emirate kaufen russisches Rohöl oft über komplexe Zwischenhändler-Ketten. „Dunkle Flotte“-Tanker schalten Transponder aus, tauschen Fracht auf hoher See und verschleiern Herkunft und Preis, sodass Preisobergrenzen umgangen werden.
Solange diese Umgehungsrouten existieren, bleibt der Geldfluss bestehen. Doch der Kreml hat noch einen zweiten Joker: die Fähigkeit, seine Kriegskosten intern zu finanzieren. Wie das funktioniert, offenbart der Blick auf den Rubel-Drucker und den Staatsfonds.
Rubel-Drucker und Staatsfonds: Putins Plan B

Die russische Zentralbank hält den Kriegskurs, indem sie Staatsanleihen aufkauft und Rubel-Liquidität zuführt, wodurch Budgetlücken geschlossen werden. Parallel besitzt der Staatsfonds noch immer liquide Mittel, die offiziell rund zwei Prozent des BIP ausmachen.
Mit dieser Finanzakrobatik kauft sich Moskau Zeit – aber nicht unbegrenzt. Steigende Inflation, schrumpfende Devisenreserven und technische Engpässe könnten den Spielraum rasch verkleinern, betonen Wirtschaftsanalysten. Ob die Uhr wirklich in 18 Monaten abläuft, entscheidet sich an wenigen kritischen Faktoren, die wir jetzt beleuchten.
Countdown oder Marathon? Was wirklich über die 18 Monate entscheidet

Erstens: Schließt der Westen die Sanktionslücken konsequent, sinken Russlands Netto-Öleinnahmen innerhalb eines Jahres um bis zu 40 Prozent. Zweitens: Liefert der Westen weiterhin moderne Waffen und Finanzhilfen an Kiew, erhöht das den militärischen Druck und die Kosten für Moskau. Drittens: Innenpolitische Spannungen in Russland könnten zusätzlichen fiskalischen Druck erzeugen, falls Sozialausgaben steigen müssen.
Am Ende zeigt sich: Die 18-Monats-Frist ist kein Naturgesetz, sondern ein Wettlauf zwischen sanktionierter Einnahmeseite und russischer Improvisationskunst. Je nachdem, wer Tempo macht, wird aus dem Countdown ein kurzer Sprint – oder ein zermürbender Marathon.