Die Angst wächst, der Alltag schrumpft: Für viele Jüdinnen und Juden in Deutschland ist das normale Leben offenbar längst nicht mehr selbstverständlich.
Bedrohung, die nicht mehr abstrakt wirkt

Die Zahl antisemitischer Vorfälle in Berlin bleibt weiterhin erschreckend hoch. Laut dem aktuellen Bericht der Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus (RIAS) wurden im Jahr 2025 insgesamt 2197 antisemitische Vorfälle in der Hauptstadt dokumentiert.
Zwar liegt diese Zahl rund 13 Prozent unter dem Vorjahreswert von 2521 Fällen, doch im Vergleich zu den Jahren vor dem Hamas-Terrorangriff auf Israel am 7. Oktober 2023 bleibt das Niveau dramatisch erhöht. Damals waren deutlich weniger Fälle registriert worden.
Besonders beunruhigend ist laut Experten die Tatsache, dass sich antisemitische Vorfälle inzwischen offenbar dauerhaft auf einem hohen Niveau festgesetzt haben. Viele jüdische Menschen fühlen sich nach eigenen Angaben im Alltag zunehmend unsicher – selbst in öffentlichen Räumen oder Bildungseinrichtungen.
„Berlin war einmal ein sicherer Ort“

Auf einer Pressekonferenz äußerte sich Sigmount Königsberg, der Antisemitismusbeauftragte der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, äußerst besorgt über die aktuelle Entwicklung.
Dabei schilderte er ein Klima wachsender Angst innerhalb der jüdischen Gemeinschaft: „Schüler wurden vermehrt von muslimischen Schülern angegriffen. Viele sind Flüchtlinge. Lehrkräfte sind oftmals nicht imstande, Antisemitismus zu erkennen oder zu benennen.“
Besonders alarmierend sei laut Königsberg die Situation an Hochschulen. Dort würden sich viele jüdische Studierende inzwischen nicht mehr sicher fühlen. Wörtlich erklärte er: „Für jüdische Studierende sind die Hochschulen zu einer No-Go-Area geworden.“
Auch innerhalb der jüdischen Gemeinde selbst habe sich die Wahrnehmung Berlins stark verändert. Viele Menschen würden inzwischen ernsthaft darüber nachdenken, die Stadt oder sogar Deutschland zu verlassen.
Viele Juden verstecken inzwischen ihre Symbole

Die Folgen dieser Entwicklung zeigen sich laut Bericht immer deutlicher im Alltag vieler Betroffener. Immer mehr jüdische Menschen verzichten offenbar darauf, religiöse oder kulturelle Symbole offen zu tragen.
Ob Kippa, Davidstern oder Hebräisch sprechende Familien – viele versuchen laut RIAS inzwischen bewusst, nicht aufzufallen. Hintergrund sind zahlreiche Vorfälle in U-Bahnen, Cafés oder auf offener Straße.
Allein im Juli 2025 registrierte RIAS 327 antisemitische Vorfälle innerhalb nur eines Monats. Betroffene wurden beschimpft, bespuckt oder körperlich angegriffen.
Besonders erschreckend: Laut Bericht nimmt auch die Gewaltbereitschaft immer weiter zu. Die Attacken würden zunehmend aggressiver verlaufen und seien längst keine Einzelfälle mehr.
Messerattacke am Holocaust-Mahnmal erschüttert Berlin

Der schwerste antisemitische Vorfall des Jahres ereignete sich am 21. Februar 2025 am Holocaust-Mahnmal in Berlin-Mitte. Dort griff ein damals 19-jähriger Syrer einen spanischen Touristen mit einem Messer an und verletzte ihn lebensgefährlich am Hals.
Laut Ermittlern wollte der Täter gezielt einen Juden töten. Das Opfer überlebte den Angriff nur knapp.
Kurz vor der Tat soll der Islamist laut Ermittlern „Allahu Akbar“ gerufen haben. Später wurde der Täter zu 13 Jahren Haft verurteilt.
Neben diesem Fall registrierte RIAS 39 weitere antisemitische Angriffe. In mehreren Fällen wurden Betroffene geschlagen oder angespuckt. Einem Menschen wurde nach antisemitischen Beschimpfungen sogar Reizgas ins Gesicht gesprüht.
Israelhass und Gewaltparolen nehmen zu

Laut dem aktuellen Bericht standen fast 68 Prozent aller antisemitischen Vorfälle im Zusammenhang mit Israel. Besonders häufig seien Gleichsetzungen Israels mit Nazi-Deutschland dokumentiert worden.
Zudem beobachtet RIAS eine zunehmende Verwendung des Begriffs „Zionist“ als Feindbild. Oft gehe dies mit offenen Gewaltaufrufen einher.
Schmierereien wie „Kill Zios“ oder „Zionists töten“ hätten 2025 massiv zugenommen. Experten warnen deshalb vor einer weiteren Radikalisierung antisemitischer Narrative im öffentlichen Raum.
Besonders problematisch sei dabei, dass solche Aussagen laut RIAS immer häufiger öffentlich geäußert würden – teilweise ohne größere gesellschaftliche Gegenreaktionen. Genau darin sehen Beobachter eine gefährliche Entwicklung.
Hochschulen und Demonstrationen gelten als Brennpunkte

Als besonders problematisch beschreibt RIAS die Situation an Berliner Hochschulen sowie auf pro-palästinensischen Demonstrationen. Dort komme es immer wieder zu antisemitischen Vorfällen und israelfeindlichen Parolen.
Die Informationsstelle registrierte 55 antisemitische Vorfälle an Hochschulen sowie 239 Vorfälle auf Demonstrationen – mehr als jemals zuvor.
Dabei seien laut Bericht Hamas-Terror verherrlicht, Israel das Existenzrecht abgesprochen oder Juden pauschal als „Kindermörder“ bezeichnet worden.
RIAS warnt deshalb davor, dass sich antisemitische Narrative zunehmend normalisieren könnten. Die hohen Zahlen hielten inzwischen seit mehr als zwei Jahren an. Für viele jüdische Menschen in Berlin bedeutet das offenbar vor allem eines: ein wachsendes Gefühl der Unsicherheit im eigenen Alltag.