Ein geleaktes „Regierungsprogramm“ der AfD Sachsen-Anhalt sorgt seit Dienstagabend für heftige Debatten: Darin wird gefordert, das gemeinsame Lernen von Kindern mit und ohne Behinderung zu beenden – sie „lähmen den Unterrichtsfortgang“, heißt es, Förderschulen müssten wieder „Regelfall“ werden. Die Pläne treffen Deutschland wenige Monate vor der Landtagswahl am 6. September 2026, bei der die AfD laut Umfragen auf bis zu 40 Prozent kommt.
Der Paukenschlag aus Magdeburg

Das 156-seitige Papier tauchte zunächst in internen AfD-Chats auf und gelangte wenig später an die Öffentlichkeit. Schon die Überschrift des Kapitels zur Bildung – „Keine Experimente an unseren Kindern!“ – lässt erahnen, wie radikal das Vorhaben ist.
Besonders brisant: Die Partei erhebt den Vorwurf, behinderte Schülerinnen und Schüler würden „nicht die Aufmerksamkeit erhalten, die sie benötigen“ und zugleich den Lehrfortschritt der gesamten Klasse blockieren. Das ist der Satz, der seither die Schlagzeilen dominiert.
Warum die Wortwahl so gezielt gewählt wurde, zeigt der Blick auf die überraschend harten Formulierungen im Originaltext.
„Sie lähmen den Unterrichtsfortgang“ – Zitat mit Sprengkraft

Wörtlich heißt es: „Die behinderten Kinder erhalten nicht die Aufmerksamkeit, die sie benötigen, … lähmen den Unterrichtsfortgang und bleiben hinter ihren Möglichkeiten zurück.“ Für viele Betroffene klingt das wie die Rückkehr zu einem antiquierten Sonder-Schulsystem, das die UN-Behindertenrechtskonvention längst in Frage stellt.
Bildungsverbände warnen, mit solchen Aussagen werde Inklusion pauschal für gescheitert erklärt, obwohl Schulträger und Länder jahrelang investiert haben, um gemeinsames Lernen zu ermöglichen.
Doch wer treibt diesen Kurs innerhalb der AfD eigentlich voran?
Die Köpfe hinter dem Kurs und ihr Kalkül

Spitzenkandidat Ulrich Siegmund sieht in der strikten Trennung angeblich einen „pragmatischen Weg“, Lehrermangel zu kompensieren. Bei einem Besuch der österreichischen FPÖ vor zwei Wochen betonte er, man bereite sich „ernsthaft auf Regierungsverantwortung“ vor – das Bildungskapitel gilt intern als Blaupause.
Sein Umfeld verweist auf Umfragewerte von 38 bis 40 Prozent und rechnet damit, dass klare „Law-and-Order-Botschaften“ bei unentschlossenen Wählerinnen und Wählern verfangen. Kritiker nennen das Kalkül zynisch und warnen vor massiver Ausgrenzung.
Doch es formiert sich Widerstand – und zwar von Menschen, die es am stärksten betrifft.
Protest aus der Behinderten-Community

Die Sozialdemokratin Katrin Gensecke, selbst Rollstuhlfahrerin und frisch gewählte SPD-Landtagskandidatin, nennt den AfD-Plan „einen Schlag ins Gesicht aller, die für ein inklusives Sachsen-Anhalt kämpfen“. Behindertenverbände kündigen Mahnwachen vor dem Landtag an und sprechen von einem „Rollback in die 80er-Jahre“.
Lehrkräfte und Eltern sammeln binnen 24 Stunden Zehntausende Unterschriften gegen eine „Zwangs-Segregation“. Sie verweisen auf Studien, wonach inklusive Klassen weder das Leistungsniveau senken noch Ressourcen verschwenden – im Gegenteil, sie fördern Sozialkompetenz bei allen Kindern.
Wie rechtfertigt die AfD diesen Kurs öffentlich?
Die Verteidigungsstrategie der AfD

AfD-Bildungspolitiker argumentieren, Doppelbesetzungen in inklusiven Klassen banden „wertvolle Lehrer-Kapazitäten“. Mit dem Ende der Inklusion könnten, so die Rechnung, rund 800 Vollzeitstellen freigesetzt werden. Experten kontern, dass Förderschulen sogar mehr Fachpersonal benötigen und zusätzliche Fahrdienste verursachen – Kosten, die im AfD-Papier verschwiegen werden.
Gleichzeitig schlägt die Partei vor, Kinder aus geflüchteten Familien in „Sonderklassen“ zusammenzufassen. Kritiker erkennen darin ein Muster: Ausgrenzen, um Homogenität vorzugaukeln – ein Narrativ, das in Wahlkämpfen für Schlagzeilen sorgt.
Am Ende entscheidet jedoch nicht das Papier, sondern die Wahlurne – und die hat ein genaues Datum.
Countdown zum 6. September 2026 – Was steht auf dem Spiel?

Sollte die AfD tatsächlich stärkste Kraft werden und Koalitionspartner finden, könnte Sachsen-Anhalt das erste Bundesland sein, das die UN-Behindertenrechtskonvention de facto zurückdreht. Das Echo aus Brüssel und der Zivilgesellschaft wäre absehbar laut – Fördermittel und Wettbewerbsfähigkeit im Bildungsbereich stünden auf dem Spiel.
Die wichtigste Frage bleibt: Wird die Mehrheit der Wählerinnen und Wähler eine Politik akzeptieren, die Kinder trennt, anstatt sie zusammenzuführen? Am Wahlabend könnte sich nicht nur die Zukunft der Inklusion entscheiden, sondern auch, ob Sachsen-Anhalt zum Testlabor für ein ganz anderes Deutschland wird.
Damit steht fest: Der September-Urnengang ist weit mehr als eine Landtagswahl – er ist eine Richtungswahl für das Selbstverständnis einer ganzen Republik.