Ein junger Buckelwal hält die Ostseeküste seit Tagen in Atem – sein Schicksal ist ungewisser denn je.
Der Wal und sein Irrweg in die Ostsee

Das unverhoffte Auftauchen des rund zehn Meter langen Meeressäugers begann vor gut einer Woche, als er vor dem Timmendorfer Strand auf einer Sandbank strandete und sich in einer dramatischen Nachtaktion selbst befreite. Nur wenige Stunden später tauchte er in der Wismarbucht wieder auf – ein Ort, dessen flaches Wasser für ein Tier seiner Größe zur Falle wurde.
Noch immer liegt der Koloss nahe der Insel Walfisch in knapp zwei Metern Tiefe; er pustet regelmäßig Wasserfontänen, ein deutliches Zeichen dafür, dass er weiter atmet. Doch je länger er dort verharrt, desto größer wird die Sorge um seine Kräfte und Verletzungen. Welche dramatischen Stunden das Team vor Ort erlebte, zeigt die nächste Etappe …
Die dramatischen Stunden in der Wismarbucht

Sofort rückten Feuerwehr, Wasserschutzpolizei, Meeresbiologen des ITAW und Greenpeace an, um einen Rettungsplan zu schmieden. Mit Booten, Leinen und dem Baggern einer Rinne wollte man ihm den Weg ins tiefe Fahrwasser öffnen – doch die Tiden fielen zu niedrig aus, das tonnenschwere Tier schaffte nur wenige Meter.
Während die Helfer nachts bei Scheinwerferlicht ausharrten, verstrich kostbare Zeit. Experten bezeichneten den Mittwoch als „entscheidende Stunden“: Entweder würde der Wal die nächste Springflut nutzen – oder er würde noch tiefer in den weichen Grund einsinken. Doch noch gibt es Menschen, die unermüdlich an eine Wende glauben …
Helfer zwischen Hoffnung und Verzweiflung

Rund um die Uhr beobachten Ehrenamtliche die Atemintervalle: Liegt der Abstand unter fünf Minuten, gilt das als Lebenszeichen; steigt er auf acht, wird das Tier als kritisch eingestuft. Bisher pendelt der Wert zwischen vier und sechs Minuten. Jeder Fontänenstoß wird auf Social-Media-Kanälen gefeiert, jeder Aussetzer lässt Herzen stocken.
Greenpeace-Biologe Thilo Maack erwägt inzwischen eine Beruhigung des Wals, um Stress abzubauen. Doch eine Vollnarkose wäre riskanter als das Abwarten der nächsten hohen Tide. Diese Gratwanderung aus medizinischer Fürsorge und naturbelassener Hoffnung ist nicht das einzige Problem – auch die Ostsee selbst wird zum Gegner …
Warum die Ostsee für Riesen gefährlich ist

Die Ostsee besitzt nur einen schmalen Ausgang zur Nordsee; die trüben Küstengewässer sind flach, laut und von Netzen durchzogen. Marineforscher vermuten, dass der Buckelwal hier bei der Jagd auf Heringe die Orientierung verlor und sich mehrfach in Treibnetzen verletzte. Schnittwunden entlang der Fluke deuten darauf hin.
Dazu kommen Schiffslärm und Wellenschlag der Frachter Richtung Lübeck und Rostock, die das Sonarsystem der Tiere stören. Genau dieser akustische Wirrwarr könnte den Wal daran hindern, den rettenden Weg hinaus zu finden. Wie sehr sich seine Lage seit Mittwochabend zugespitzt hat, zeigt der Blick auf den heutigen Morgen …
Die aktuelle Lage am Donnerstagmorgen

Donnerstag, 2. April, kurz nach sechs Uhr: Drohnenaufnahmen zeigen den Wal nahezu reglos – doch jede vierte Minute steigt eine zarte Gischt wolkenartig auf. Keine Teams sind mehr im Wasser; zu groß die Gefahr, ihn mit Bootslärm weiter in Panik zu versetzen. Das Ufer ist weiträumig abgesperrt, Schaulustige müssen 300 Meter Abstand halten.
Das Landwirtschaftsministerium Mecklenburg-Vorpommern hat alle aktiven Rettungsversuche ausgesetzt, bis eine „entscheidende“ Springflut einen neuen Anlauf erlaubt. Sollte sich der Gesundheitszustand deutlich verschlechtern, stünde auch eine „humanitäre“ Einschläferung zur Debatte. Was genau über das Schicksal des Meeressäugers entscheiden wird, klärt der letzte Abschnitt …
Was jetzt vom Schicksal des „Timmy“ abhängt

Der junge „Timmy“, wie viele Kinder ihn inzwischen nennen, braucht binnen 24 Stunden zwei Dinge: steigendes Wasser von mindestens 40 Zentimetern und genug Restkraft, um sich selbst ins tiefe Fahrwasser zu rollen. Gelingt ihm das, könnte er – begleitet von Booten – den Weg in die Kadetrinne finden und letztlich die Ostsee verlassen.
Scheitert dieser letzte Versuch, droht ein rascher Kräfteverlust durch Dehydrierung und Organversagen. Noch aber zeichnet sich am Horizont ein kräftiger Nordostwind ab, der das Wasser in die Bucht drücken könnte. Solange alle vier Minuten eine Fontäne aufsteigt, lebt die Hoffnung – und ganz Deutschland hält den Atem an.