Brüssel, Dienstagmittag: Der Plenarsaal des EU-Parlaments summt vor Spannung, als die Abgeordneten ihre Karten heben. Noch flüstern die Fraktionsführer, Kameras klicken, Lobbyisten halten den Atem an. Dass es heute um mehr als ein weiteres Handelskapitel geht, spürt jeder im Raum – aber noch ist unklar, ob der umstrittene Deal mit Washington tatsächlich die nötige Mehrheit erhält.
Was heute im Parlament geschah

Die Debatte begann mit donnerndem Schlagabtausch. Gegner warnten vor einer „blanken Kapitulation“ gegenüber den Vereinigten Staaten und kritisierten, dass die Verhandlungen „hinter verschlossenen Türen“ geführt worden seien. Befürworter erinnerten dagegen an die drohenden US-Sonderzölle von bis zu 30 Prozent und schilderten, wie empfindlich europäische Auto- und Landwirtschafts-Exporte ohne Einigung getroffen worden wären.
In der Schlussrunde legte Handelskommissarin Valdis Dombrovskis eine letzte Zahl auf den Tisch: Fast 45 Milliarden Euro an bilateralen Zöllen könnten binnen drei Jahren entfallen. Der Saal wurde still – ein Moment, der spürbar Gewicht hatte, weil er die ökonomische Dimension des Pakets greifbar machte und selbst manche Skeptiker beeindruckte.
Die heißesten Klauseln

Besonders umstritten bleibt die „Sunset-Klausel“, nach der sämtliche Zollvorteile automatisch am 31. Dezember 2029 auslaufen, wenn beide Seiten nicht aktiv verlängern. Kritiker sehen darin eine tickende Zeitbombe, weil jeder Wahlzyklus in den USA die Unsicherheit neu entfachen könne.
Zweiter Zankapfel ist der Stahl-/Aluminium-Mechanismus: Die EU darf die Vergünstigungen binnen 15 Tagen aussetzen, sollte Donald Trump den Importtarif auf europäische Metalle über die 15-Prozent-Marke anheben. Brüssel reklamiert das als starken Schutzschirm, Gewerkschaften bezweifeln hingegen, ob eine so kurze Reaktionsfrist in der Praxis tatsächlich funktioniert.
Druck aus Washington

Hinter den Kulissen war der Ton härter, als die offizielle Rhetorik vermuten lässt. In einer vertraulichen Note soll das Weiße Haus klargestellt haben, dass ohne Einigung Strafzölle auf EU-Autos „innerhalb von 48 Stunden“ ausgelöst würden. Diplomaten berichten, der Trump-Administration sei es zudem gelungen, höhere Kontingente für US-Flüssiggas und Rüstungsgüter in den Deal zu verankern – ein Punkt, der Umweltschützer und Friedensaktivisten gleichermaßen empört.
Mehrere Mitgliedstaaten fühlten sich zwischen Baum und Borke: nationale Industrie-Champions drängten auf rasche Zollsenkungen, während politische Parteien vor „Gefälligkeitspolitik“ gegenüber Trump warnten. Die Parlamentsmehrheit blieb bis zur letzten Minute wackelig.
Was der Beschluss wirklich bedeutet

Punkt 12:36 Uhr dann die Erlösung: Mit 423 Ja-Stimmen, 197 Nein und 27 Enthaltungen hat das EU-Parlament den Zolldeal endgültig angenommen. Das Ergebnis löst zunächst den US-Drohhebel ab – neue Auto-Zölle sind vom Tisch, und europäische Exporteure können auf Einsparungen in Milliardenhöhe hoffen.
Doch die eigentliche Bewährungsprobe kommt erst: Sollte Washington die vereinbarten Obergrenzen doch verletzen, droht ein rascher Rückfall in den Handelskrieg. Bis dahin gilt: Europas Unternehmen haben fünf Jahre Atempause, Trump verkauft einen Sieg an seine Wählerschaft – und Brüssel muss nun beweisen, dass „Turnberry 2.0“ mehr ist als eine teure Schonfrist. Die entscheidende Antwort darauf wird erst 2029 fallen.