Als die Mitarbeiter am Morgen die Türen aufschlossen, war es zu spät: Unbekannte Hacker haben Anfang der Woche in mehreren Supermärkten in Deutschland aus der Ferne die Technik manipuliert. Die Folge: Lebensmittel verdarben, ganze Regale mussten geräumt und die Ware entsorgt werden. Die Polizei ermittelt – und es ist nicht der erste Angriff dieser Art in Europa.
Was genau in den Märkten passiert ist, welche Ketten und Orte betroffen sind und was Kunden jetzt wissen sollten, lesen Sie auf den nächsten Seiten.
Unheimlicher Angriff über Nacht

Kein Einbruch, keine eingeschlagene Scheibe – und trotzdem ein Schaden, der für manche Händler in die Hunderttausende gehen könnte. Die Täter mussten keinen Fuß in die Märkte setzen. Sie griffen über das Internet auf eine Anlage zu, ohne die kein Supermarkt auskommt.
Was die Betreiber am Morgen vorfanden, schildern sie übereinstimmend: Statt zu kühlen, hatte sich die Technik aufgeheizt. Wer hinter den Attacken steckt, ist bislang unklar.
Aus Kühlen wurde Heizen: So gingen die Täter vor

Nach bisherigen Berichten haben die Angreifer die Steuerung der Kühlanlagen übernommen. Kühl- und Tiefkühlregale, Bedientheken und Kühlhäuser wurden aus der Ferne in den Abtaumodus versetzt – also in den Modus, in dem die Geräte eigentlich nur kurz erwärmt werden, um Eis zu entfernen.
So lief der Angriff nach Angaben betroffener Betreiber ab:
– Unbekannte verschafften sich Zugriff auf die vernetzte Steuerung der Kühltechnik.
– Die Anlagen wurden über Nacht vom Kühlen aufs Heizen umgestellt.
– In einzelnen Märkten stiegen die Temperaturen auf bis zu 50 Grad, in anderen auf rund 30 Grad.
– Ein Betreiber geht davon aus, dass dabei kein Alarm ausgelöst wurde.
– Erst beim Öffnen am Morgen fiel auf, dass Fleisch, Wurst, Käse, Joghurt und Tiefkühlware verdorben waren.
Weil die Kühlkette unterbrochen war, durfte die Ware nicht mehr verkauft werden. Selbst eine Spende an soziale Einrichtungen war in einem Fall ausgeschlossen.
Diese Ketten sind betroffen

Betroffen sind nach Medienberichten Märkte von Edeka, Rewe und CAP sowie ein Supermarkt, den die Arbeiterwohlfahrt (Awo) betreibt. Es handelt sich jeweils um einzelne, teils selbstständig geführte Märkte – nicht um ganze Ketten.
| Kette / Betreiber | Was passiert ist | Stellungnahme |
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| Edeka | Kühlung in mindestens zwei Märkten manipuliert, Ware entsorgt | Sprecher: „wenige Einzelfälle“ (Handelsblatt) |
| Rewe | Ein selbstständiger Markt betroffen, Kühlregale leer | Keine weiteren Märkte der Gruppe betroffen (Tagesspiegel) |
| CAP | Kühl- und Tiefkühlanlagen nach „externem Eingriff“ zu warm, alle Artikel entsorgt | Anzeige bei der Polizei erstattet |
| Awo-Markt | Kühlanlagen ausgefallen | Angriff galt laut Bericht der Wartungsfirma |
| Lidl / Kaufland | Nicht betroffen | Laut Schwarz-Digits-Chef Christian Müller (Berliner Zeitung) |
Rewe erklärte laut Tagesspiegel, die Kühltechnik sei „im Zusammenhang mit einem Cyberangriff auf den Systemanbieter Danfoss“ gestört worden. Die Kühlung lief demnach am Montagnachmittag wieder.
Von Niederbayern bis vor die Tore Bremens

Die bekannt gewordenen Fälle verteilen sich auf mehrere Bundesländer – vor allem Nordrhein-Westfalen, Bayern, Niedersachsen und Rheinland-Pfalz.
| Ort | Bundesland | Markt | Was bekannt ist |
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| Reisbach (Niederbayern) | Bayern | Edeka Ernst | Anlagen auf bis zu 50 Grad hochgeheizt, „Unmengen an Lebensmitteln“ entsorgt |
| Wuppertal | NRW | CAP-Markt | Kühl- und Tiefkühlanlagen zu warm, Anzeige bei der Polizei |
| Raesfeld (Münsterland) | NRW | Rewe-Markt | Bis zu 50 Grad, Kühlregale leer, Ware entsorgt |
| Wetter (Ruhr) | NRW | Awo-Supermarkt | Kühlanlagen ausgefallen |
| Lilienthal bei Bremen | Niedersachsen | Edeka | Theken, Kühlhäuser und Tiefkühltruhen ausgefallen, rund 30 Grad |
| Landkreise Kaiserslautern und Kusel | Rheinland-Pfalz | nicht genannt | Fälle laut Polizeipräsidium Westpfalz |
In Reisbach schrieb der Markt auf Facebook, Hacker hätten die Kühlanlagen hochgeheizt. Foodsharing holte kurzfristig ab, was noch zu retten war. In Raesfeld fand der Betreiber die Regale am Morgen aufgetaut vor. Eine eigene Cyberversicherung hatte er für den Markt nach eigenen Angaben nicht abgeschlossen.
Besonders hart traf es offenbar den Edeka-Markt in Lilienthal. Inhaber Daniel Breiding sagte laut dpa:
> „Wir mussten Waren im Wert von über 360.000 Euro wegwerfen.“
> – Daniel Breiding, Marktinhaber in Lilienthal (laut dpa)
Hersteller im Fokus – Polizei ermittelt

Im Mittelpunkt steht die Steuerungstechnik des dänischen Herstellers Danfoss. Ein Sprecher bestätigte laut ZDF gegenüber dänischen Medien, dass die Vorfälle auch Danfoss-Produkte betreffen; das Unternehmen unterstütze seine Kunden. In Estland sollen sich die Angreifer Zugang zu einem älteren Danfoss-System verschafft haben, dessen Software nicht aktualisiert worden war. Ob überall dieselbe Lücke ausgenutzt wurde, ist nicht abschließend geklärt.
Die Kriminalpolizei Landshut prüft im Fall Reisbach laut Polizeipräsidium Niederbayern den Verdacht des Ausspähens von Daten und der Datenveränderung und will sich mit Behörden in anderen Ländern abstimmen. In Wuppertal liegt eine Anzeige vor. Das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) rief Betreiber auf, „aus dem Internet erreichbare Steuerungsanlagen nach dem Stand der Technik abzusichern“.
Bundesdigitalminister Karsten Wildberger (CDU) sagte im Sender Welt TV:
> „Auch alle Unternehmen, das gilt auch für die Verwaltung, müssen mehr Vorsorge tragen.“
> – Karsten Wildberger, Bundesdigitalminister
Ein Bekennerschreiben gibt es bislang nicht. Der Cybersicherheitsexperte Hans-Walter Borries nannte den Angriff im Handelsblatt „ganz gezielt“ und „sehr massiv“ – und rechnet mit weiteren Angriffswellen auch in Deutschland.
Halb Europa betroffen: EU spricht von Angriff auf die Lebensmittelkette

Deutschland ist kein Einzelfall. Am selben Tag meldeten Supermärkte in zahlreichen europäischen Ländern ähnliche Störungen. Bereits am 11. und 12. Oktober hatten Hacker in Frankreich die Kühlanlagen von Hunderten Lebensmittelgeschäften manipuliert – betroffen waren unter anderem Filialen von Intermarché und Coopérative U. Die Rede war von einem Schaden in Millionenhöhe.
| Land | Gemeldete Fälle (Stand 03.11.2026) |
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| Belgien | Dutzende Märkte, u. a. rund 40 Delhaize- und rund 15 Carrefour-Filialen; Bundesstaatsanwaltschaft ermittelt |
| Schweden | Filialen von ICA und Coop, in einem Markt bis zu 50 Grad |
| Irland | 13 SuperValu-Märkte |
| Luxemburg | Vier Delhaize-Märkte |
| Portugal | Sieben Intermarché-Märkte |
| Italien | Mindestens vier Coop-Märkte auf Sizilien |
| Estland, Finnland, Niederlande | Einzelne Märkte bzw. kleinere Geschäfte |
EU-Agrarkommissar Christophe Hansen sprach von einem gezielten Angriff:
> „Ein bewusster Versuch, unsere Lebensmittelkette zu unterbrechen und das Vertrauen der Verbraucher in sie zu untergraben.“
> – Christophe Hansen, EU-Kommissar für Landwirtschaft und Ernährung (laut ZDF)
Die wiederholten Vorfälle nannte er „zutiefst besorgniserregend“. Die Lebensmittelsicherheit sei derzeit aber nicht gefährdet.
Was das für Kunden bedeutet

Für Kundinnen und Kunden hatten die Angriffe vor allem eine sichtbare Folge: leere Kühlregale in den betroffenen Märkten. Die meisten Anlagen laufen inzwischen wieder, Ersatzware wurde nachbestellt.
Das sollten Kunden wissen:
– Die verdorbene Ware wurde aussortiert und entsorgt – sie ist nach Angaben der Märkte nicht im Verkauf gelandet.
– Laut EU-Kommission ist die Lebensmittelsicherheit derzeit nicht gefährdet.
– Betroffen sind bislang einzelne Märkte, keine kompletten Ketten.
– Wer Zweifel an gekaufter Kühl- oder Tiefkühlware hat, kann im Markt nachfragen.
Wer den Schaden am Ende trägt, ist offen. Mindestens ein Betreiber hat nach eigenen Angaben keine eigene Cyberversicherung. Die Ermittlungen laufen.
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