Seit Wochen halten sich in Brüssel Gerüchte, doch nichts drang offiziell nach außen – bis in der Nacht die Lichter im Ratsgebäude länger brannten als üblich.
Ein Wahlabend, der alles veränderte

Ungarns Parlamentswahl schien zunächst nur eine nationale Angelegenheit. Dann kippte das Ergebnis nach Mitternacht: Péter Magyar und seine erst zwei Jahre alte Tisza-Partei fegten Viktor Orbán nach 16 Jahren aus dem Amt. Das Land erlebte einen politischen Urknall; selbst in Budapest wirkten Anhänger beider Lager am Wahlabend mehr fassungslos als siegestrunken.
Während Orbán am Podium die Niederlage eingestand, flimmerten in den europäischen Hauptstädten sofort Sondersendungen. Denn mit jedem ausgezählten Stimmzettel rückte nicht nur ein Machtwechsel näher – sondern auch die Antwort auf eine Frage, die seit Monaten 90 Milliarden Euro schwer auf den Schultern der EU lastete.
Brüssel wartet – und Budapest schweigt

Monate zuvor hatte Orbán mit seinem Veto den Mega-Kredit der EU für die Ukraine blockiert, offiziell wegen eines Streits um die durch russische Angriffe beschädigte Druschba-Pipeline. Gipfel folgte auf Gipfel, Plan B auf Plan C, doch alle Finanztricks scheiterten am Einstimmigkeitsprinzip. Während Kyjiw nach vier Jahren Krieg das Geld dringender denn je brauchte, setzte Brüssel auf Zeit – in der Hoffnung, dass eine Wahlniederlage in Ungarn das Blatt wenden könnte.
Nach dem Urnengang blieb es lange still. Orbán war zwar abgewählt, amtierte aber noch als Übergangspremier. EU-Außenbeauftragte Kaja Kallas trommelte für eine Sondersitzung, Finanzminister aus Berlin, Paris und Warschau hielten ihre Maschinen standby. Doch aus Budapest kam – nichts.
Kurz vor Mitternacht die Wende

Erst in den späten Abendstunden verdichteten sich die Hinweise: Orbán ließ seinen EU-Botschafter telefonisch wissen, dass Ungarn „keine weiteren Einwände“ gegen den Ukraine-Kredit erhebe. Binnen Minuten legten die Ratsjuristen ein neues Beschlusspapier vor, das vorsorglich längst vorbereitet war. Als die Ständige Vertretung Ungarns schweigend das Dokument gegenzeichnete, brandete Applaus auf – nicht im Plenum, sondern auf den Gängen, wo erschöpfte Diplomaten längst an drittem Espresso nippten.
Damit ist der Weg für die 90-Milliarden-Euro-Hilfe frei; die erste Tranche soll schon Anfang Mai in Kyjiw eintreffen. Péter Magyar kann nun in Budapest starten, ohne den Ballast eines EU-Konflikts, und Orbán versucht, sich kurz vor dem Abgang doch noch als „Mann der Verantwortung“ zu inszenieren. Ob die Geschichtsbücher ihm das abkaufen, bleibt offen – fest steht nur: In der Nacht von Luxemburg entschied sich mehr als nur eine Finanzierungslinie, es entschied sich Europas Geduld mit einem langjährigen Quertreiber.