Ein groß angekündigtes Gesetz verspricht mehr Stabilität im Stromnetz – doch hinter den Kulissen wächst die Sorge, dass es den Ausbau von Windenergie und Solarstrom an entscheidenden Stellen abrupt ausbremst.
Stromreform im Eiltempo

Nur wenige Monate, nachdem Bundeswirtschafts- und Energieministerin Katharina Reiche ihr „Netzpaket 2026“ vorgestellt hatte, stimmte der Bundestag mit breiter Mehrheit zu. Befürworter loben, dass damit endlich Regeln geschaffen werden, die das chronisch überlastete Stromnetz entlasten sollen.
Kern der Reform ist ein neuer Mechanismus, der Netzengpässe früh erkennt und künftig klar begrenzt, wie viel zusätzliche Erneuerbaren-Leistung in besonders belasteten Regionen entstehen darf. Reiche sprach bei der Verabschiedung von einem „notwendigen Sicherheitsventil“ für die Energiewende.
Ein Balanceakt zwischen Klimazielen und Netzrealität

Die Regierung argumentiert, dass der Netzausbau den Solar- und Windboom vielerorts nicht mehr einholen kann. Wenn Windräder oder Solarfelder in Spitzenzeiten abgeregelt werden müssen, entstehe ein „doppelter volkswirtschaftlicher Schaden“: Die Betreiber verlieren Einnahmen, gleichzeitig zahlen Verbraucher Entschädigungen über die Netzentgelte.
Genau hier soll das Gesetz ansetzen. Künftig sollen neue Projekte in sogenannten „kapazitätslimitierten Netzgebieten“ nur noch genehmigt werden, wenn sie das Stromsystem nachweislich nicht zusätzlich belasten. Investor:innen und Umweltverbände warnen jedoch vor unkalkulierbaren Risiken – denn ob ein Landkreis als Engpassregion gilt, entscheidet sich jedes Jahr neu.
Warnungen aus der Branche

Branchenvertreter fürchten einen „kalten Investitionsstopp“. Entwickler berichten bereits von Banken, die Finanzierungen aussetzen, bis klar ist, ob künftige Anlagen jederzeit einspeisen dürfen. Auch die Länder zeigen sich gespalten: Während einige Ministerpräsidenten den Schutz des Netzes begrüßen, mahnen andere, Klimaziele könnten so verfehlt werden.
Besonders heikel: Das Gesetz unterscheidet nicht zwischen den Technologien. Steht in einer Region viel Photovoltaik, betrifft die Limitierung auch neue Windparks – und umgekehrt. Fachleute sprechen von einem „Bremseffekt über Bande“, der sämtliche Projekte verunsichern könnte.
Diese Landkreise trifft es besonders hart

Erst eine jetzt veröffentlichte Analyse des Ökostromanbieters Green Planet Energy bringt ans Licht, wo die Neuregelung am schnellsten Wirkung zeigt: Insgesamt 90 Landkreise stehen auf einer vorläufigen Liste der Bundesnetzagentur, in denen schon ab 2027 ein faktischer Ausbaustopp drohen könnte.
Besonders betroffen sind demnach die Küstenländer Niedersachsen und Schleswig-Holstein mit ihren starken Onshore-Windkapazitäten, Teile von Sachsen-Anhalt sowie sonnenreiche Regionen in Hessen und Bayern, in denen große Photovoltaik-Felder den Netzpuffer bereits ausschöpfen. Für Projektierer vor Ort bedeutet das: Ohne teure Netzverstärkungen oder Speicherlösungen dürfen sie künftig weder neue Windräder noch Solarfarmen planen – ein radikaler Kurswechsel, der den grünen Boom dort vorerst zum Stillstand bringen könnte.