Ein Rekord, der niemanden jubeln lässt: Die Zahl der Wohnungslosen in Deutschland ist so hoch wie nie zuvor. Während der Winter unaufhaltsam näher rückt, wächst der Druck auf Politik – und Gesellschaft.
Ein neuer Höchststand erschüttert das Land

Mehr als eine Million Menschen gelten laut aktueller Hochrechnung der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe mittlerweile als wohnungslos, davon über 56 000 ganz ohne jede Unterkunft. Parallel meldet das Statistische Bundesamt einen historischen Wert von knapp 475 000 untergebrachten Personen – ein Plus von acht Prozent in nur zwölf Monaten.
Offizielle und zivilgesellschaftliche Zahlen zeigen erstmals dieselbe Richtung: Ein dramatischer Aufwärtstrend, der sich trotz verbesserter Datenerfassung nicht allein statistisch erklären lässt. Der Wohnungsnotfall hat die Dimension einer gesamtgesellschaftlichen Krise erreicht.
Weiter geht es mit der Frage, wer besonders betroffen ist – und warum.
Wer sind die Betroffenen – und warum trifft es sie?

Auffällig hoch ist der Anteil nicht deutscher Staatsangehöriger: Vier von fünf Wohnungslosen besitzen keinen deutschen Pass, viele von ihnen sind Geflüchtete aus der Ukraine oder anderen Kriegsgebieten. Besonders erschütternd: Rund ein Viertel der Betroffenen sind Kinder und Jugendliche, die oft in Sammelunterkünften aufwachsen müssen.
Hinter den Zahlen stehen massive Miet- und Energieschulden, gescheiterte Beziehungskonstellationen und fehlender bezahlbarer Wohnraum. Prekarisierte Beschäftigung und galoppierende Lebenshaltungskosten treiben Menschen an den Rand – und häufig darüber hinaus.
Wie spüren Städte und Gemeinden diese Entwicklung im Alltag? Das zeigt der nächste Abschnitt.
Kommunen am Limit – die soziale Infrastruktur ächzt

Ob Berlin, München oder das ländliche Nordrhein-Westfalen: Notunterkünfte platzen aus allen Nähten, Containerdörfer werden zur Dauerlösung, freiwillige Helfer arbeiten jenseits ihrer Belastungsgrenze. Gleichzeitig steigen die Kaltmieten in vielen Ballungsräumen weiter, während Sozialwohnungsbestände schrumpfen.
Die Folge ist ein Teufelskreis: Je teurer der Wohnraum, desto höher das Risiko des Wohnungsverlustes – und desto stärker die Konkurrenz um die letzten bezahlbaren Quadratmeter. Finanzschwache Kommunen warnen, dass sie ohne zusätzliche Mittel bald keine Unterkünfte mehr bereitstellen können.
Welche Versprechen hat die Bundesregierung in dieser Situation gemacht? Dazu gleich mehr.
Was die Regierung bisher unternimmt – und was nicht

Die Ampelkoalition bekräftigt ihr Ziel, Wohnungslosigkeit bis 2030 zu überwinden, setzt Pilotprojekte nach dem „Housing First“-Prinzip auf und erhöht die Mittel für sozialen Wohnungsbau auf jährlich mehrere Milliarden Euro. Doch Verbände kritisieren: Das Tempo sei zu langsam, die Programme zu kleinteilig.
SPD-Wohnungslosenbeauftragter Brian Nickholz fordert einen Bund-Länder-Fonds für flächendeckendes Housing First und eine strukturelle Finanzierung der Wohnungsnotfallhilfe. Auch Mietrechtreformen stocken, weil Koalitionspartner sich nicht einig werden. Die Lücke zwischen politischem Anspruch und realer Entlastung wächst weiter.
Welche Lösungswege schlagen unabhängige Experten vor? Das klären wir im nächsten Slide.
Experten schlagen Alarm – und liefern konkrete Rezepte

Fachleute drängen auf einen gesetzlich verankerten Sozialwohnungsanteil bei jedem Neubau, bundeseinheitliche Mietobergrenzen sowie einen Ausbau präventiver Schuldner- und Mieterberatungen. Zudem brauche es ein nationales Melderegister, um verdeckte Wohnungslosigkeit endlich sichtbar zu machen.
Ein zentrales Stichwort bleibt „Housing First“: Statt jahrelanger Warteschleifen in Übergangsheimen soll dauerhafter Wohnraum der erste Schritt sein, flankiert von sozialpädagogischer Betreuung. Länder wie Finnland zeigen, dass so mehr als drei Viertel der Betroffenen langfristig in eigenen vier Wänden bleiben.
Doch was bedeuten die Statistiken für die Menschen hinter den Zahlen? Ein Blick auf persönliche Schicksale bringt erschütternde Einblicke.
Hinter jeder Zahl ein Gesicht – persönliche Geschichten

Sabine (52) lebt seit zwei Jahren in einer Notpension, nachdem ihre langjährige Wohnung wegen Eigenbedarfs gekündigt wurde. Trotz Vollzeitjob findet sie nichts Bezahlbares: „Ich habe Einkommen, aber keine Chancen.“ Ihr größter Wunsch: eine kleine Wohnung, in der sie zur Ruhe kommen kann.
Khalid (17) kam 2022 aus Aleppo, wohnt mit seiner Mutter in einer Turnhalle und besucht eine Berufsschule: „Ich will Mechatroniker werden – aber ohne Adresse bekomme ich keinen Ausbildungsplatz.“ Seine Geschichte zeigt, wie Zukunftsträume an fehlendem Wohnraum zerbrechen.
Die Dramatik dieser Einzelschicksale unterstreicht, warum Handeln unverzichtbar ist – und warum die nächste Entscheidung der Politik über Hoffnungen und Lebenswege von Hunderttausenden bestimmen wird.