Ein einziger Knall riss die Stille des Feierabends entzwei – und ließ Dutzende Fragezeichen zurück. Noch ist unklar, wer hinter der Kugel steckt, die nur knapp an einer Tragödie vorbeischrammte.
Der Schuss, der das Abendbrot störte

Es war kurz vor Beginn der Primetime, als Käufer ihre letzten Besorgungen erledigten. Kinder zerrten an Einkaufswagen, Smartphones leuchteten auf, irgendwo klickte eine Autotür – dann peitschte ein lauter Knall durch die Luft. In Sekundenbruchteilen war die Alltagskulisse verflogen, ersetzt durch Schreie, die gegen metallenes Parkhaus-Echo prallten.
Erst danach begriffen Augenzeugen, dass die dumpfe Explosion kein geplatzter Reifen gewesen war. Eine Kugel hatte die Windschutzscheibe eines vorbeifahrenden Wagens zerborsten, Splitter regneten in den Innenraum, quietschende Bremsen geisterten durchs Halbdunkel.
Panische Sekunden & ein zersplittertes Fenster

Der Fahrer riss das Steuer herum, das Auto kam erst zum Stehen, als ein Bordstein den Fluchtreflex bremste. Blut zeichnete hauchdünne Linien über seine Stirn – Glassplitter, nicht die Kugel selbst, hatten ihn erwischt. Seine Mitfahrer schrien nicht vor Schmerz, sondern vor Schock: Der Schütze stand nur wenige Meter entfernt, das Gesicht unter einer Kapuze verborgen, den Lauf noch in Hüfthöhe, ehe er sich im Schutze parkender Wagen davonschob.
Binnen Augenblicken wählten Passanten den Notruf. Sirenen erstickten den Restabend, Blaulicht überflutete Einkaufswägen, die niemand abräumte. Noch wusste keiner, dass der Täter nur einen Schuss abgegeben hatte – und dass genau dieser eine Schuss die Polizei in höchste Alarmbereitschaft versetzen würde.
Großfahndung in der Dunkelheit

Streifenwagen riegelten Zufahrten ab, Diensthunde suchten jede Böschung ab, rotierende Rotorblätter zerpflügten die Nachtluft. Zwei Stunden lang blieb die Hauptstraße blockiert, während Spurensicherer Hülse, Glas und Reifenspuren kartierten. Suchscheinwerfer tasteten angrenzende Fußwege ab; die Frage, ob weitere Gefahren lauerten, nagte an den Einsatzkräften wie an den verängstigten Anwohnern hinter Fenstervorhängen.
Die Beschreibung des Flüchtigen blieb vage: knapp unter 1,80 Meter, grauer Jogginganzug, OP-Maske. Kein Motiv, kein Hinweis auf Begleiter, kein klarer Fluchtweg. Die Ermittler bissen sich an jedem anonymen Hinweis fest, während die Uhr Richtung Mitternacht tickte.
Tatort Reutlingen: Was wir jetzt wissen

Erst gegen 21.15 Uhr gaben Beamte die Absperrung frei – im badischen Eningen unter Achalm, Landkreis Reutlingen, vor der Filiale des Discounters Lidl. Der 39-jährige Fahrer wurde ambulant versorgt; Lebensgefahr bestand nie. Die Polizei ermittelt wegen versuchten Totschlags und bittet Zeugen aus der Region Baden-Württemberg, sich zu melden.
Ob Zufallstat, gezielte Drohung oder misslungenes Raubmanöver: Die Antwort liegt nun in den Händen der Kriminalpolizei Reutlingen. Bis der graue Jogginganzug einen Namen trägt, bleibt vor allem eines zurück – die bittere Erkenntnis, wie dünn die Scheibe zwischen Alltag und Albtraum sein kann.