Wirtschaftsforscher haben ihre Erwartungen erneut nach unten korrigiert – und das dürfte vor allem Menschen treffen, die eine bezahlbare Wohnung suchen. Die Lage auf dem Markt bleibt angespannt, eine schnelle Besserung ist nicht in Sicht.
Eigentlich sollte es nach Jahren der Flaute langsam wieder aufwärtsgehen. Doch neue Belastungen machen diese Hoffnung zunichte. Was hinter der neuen Prognose steckt, wie die Politik reagiert und was Mieter jetzt erwartet.
Prognose erneut nach unten korrigiert

In Deutschland entstehen seit Jahren zu wenige neue Wohnungen. Nun haben Experten eine neue Vorhersage für die kommenden Jahre vorgelegt – und sie fällt schlechter aus als bisher angenommen.
Das ifo-Institut erwartet, dass in den Jahren 2027 und 2028 jeweils weniger als 200.000 Wohnungen fertiggestellt werden. Ifo-Bauexperte Ludwig Dorffmeister sagte der „Augsburger Allgemeinen“, er gehe davon aus, dass die Zahl in beiden Jahren jeweils „195.000 Einheiten erreichen wird“. Im Februar hatte das Institut noch mit 205.000 beziehungsweise 215.000 Wohnungen gerechnet.
Als Grund nennt Dorffmeister vor allem die gestiegenen Baukosten – auch als Folge des Iran-Kriegs.
Die Zahlen im Überblick

Wie stark der Wohnungsbau eingebrochen ist, zeigt der Blick zurück. Noch vor wenigen Jahren wurden deutlich mehr Wohnungen fertig.
| Jahr | Fertiggestellte Wohnungen |
|—|—|
| 2020 | 306.400 (Rekordwert) |
| 2021–2023 | jeweils rund 294.000 |
| 2024 | rund 252.000 |
| 2025 | 206.600 (niedrigster Wert seit 2012) |
| 2026 | rund 185.000 (ifo-Schätzung) |
| 2027 | rund 195.000 (ifo-Prognose) |
| 2028 | rund 195.000 (ifo-Prognose) |
Quellen: Statistisches Bundesamt (2020–2025), ifo-Institut (2026–2028)
Zum Vergleich: Laut dem Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) werden bis 2030 rund 320.000 neue Wohnungen pro Jahr benötigt. Die frühere Ampel-Regierung hatte sogar 400.000 neue Wohnungen jährlich als Ziel ausgegeben – erreicht wurde es nie.
Darum wird so wenig gebaut

Laut Dorffmeister bremsen seit 2022 vor allem drei Effekte den Wohnungsbau:
– Preisschock: Bauleistungen haben sich massiv verteuert.
– Zinsschock: Baufinanzierungen sind deutlich teurer geworden.
– Weniger Förderung: Die staatliche Bauförderung ist spürbar zurückgegangen.
Hinzu kommt, dass Bauprojekte immer länger dauern. Die Zeit zwischen Genehmigung und Fertigstellung ist laut ifo seit Beginn des Jahrzehnts um etwa ein halbes Jahr auf rund 27 Monate gestiegen.
Im europäischen Vergleich steht Deutschland schlecht da: Laut der Euroconstruct-Prognose des ifo werden in Spanien, Frankreich und Großbritannien in den kommenden Jahren deutlich mehr Wohnungen fertig. In Deutschland und Italien steigt die Zahl dagegen kaum oder gar nicht.
Was das für Mieter bedeutet

Wenn zu wenig gebaut wird, steigt der Druck auf dem Mietmarkt. Das zeigt sich bereits bei den Angebotsmieten, also den Preisen in neuen Wohnungsinseraten.
Laut dem Greix-Mietpreisindex, an dem das Kiel Institut für Weltwirtschaft beteiligt ist, stiegen die Angebotsmieten im dritten Quartal 2026 bundesweit um 1,2 Prozent – so stark wie seit Anfang 2025 nicht mehr. Im Vergleich zum Vorjahr lag das Plus bei 3,7 Prozent.
– Hamburg: plus 6,7 Prozent zum Vorjahr – stärkster Anstieg unter den acht größten Städten
– Berlin: plus 2,1 Prozent allein im dritten Quartal
– Düsseldorf: plus 2,0 Prozent im dritten Quartal
– München: mit 23,70 Euro kalt pro Quadratmeter weiterhin am teuersten
Wer umziehen muss oder eine neue Wohnung sucht, dürfte also auch in den kommenden Jahren tief in die Tasche greifen müssen.
Mieterbund schlägt Alarm

Der Deutsche Mieterbund warnt schon länger vor den Folgen. In seinem Mietenreport 2026 beziffert er die Zahl der fehlenden Wohnungen in Deutschland auf rund 1,4 Millionen. Der Bestand an Sozialwohnungen sank demnach auf ein Rekordtief von rund 1,03 Millionen.
> „Wer den Sozialstaat stärken will, muss den Wohnungsmarkt reparieren.“
> – Melanie Weber-Moritz, Präsidentin des Deutschen Mieterbundes
Laut einer Befragung für den Report sorgen sich 29 Prozent der Mieter, ihre Miete künftig nicht mehr zahlen zu können. Die Hälfte fürchtet, im Notfall keine bezahlbare Ersatzwohnung zu finden. Der Verband fordert unter anderem, Mieten zu begrenzen und deutlich mehr Sozialwohnungen zu schaffen.
Das sagt die Bauministerin

Bundesbauministerin Verena Hubertz (SPD) hatte bereits die Fertigstellungszahlen für 2025 als „schlechte Zahlen“ bezeichnet. Rund 206.000 Wohnungen seien „zu wenig“, sagte sie laut ZDF im Mai. Gleichzeitig verwies sie auf steigende Baugenehmigungen und Rekordmittel für den sozialen Wohnungsbau.
Hubertz setzt unter anderem auf eine staatliche Wohnungsbaugesellschaft. „Das Ziel ist, dass die Wohnungsbaugesellschaft 2027 an den Start geht“, sagte sie Mitte Oktober. Der Bund soll daran 51 Prozent halten. Zudem soll die Förderung ab 2027 auf zwei Säulen umgestellt werden – eine für Sanierungen im Bestand, eine für den Neubau, mit Schwerpunkt auf Wohneigentum für Familien.
Eine direkte Reaktion der Ministerin auf die neue ifo-Prognose lag zunächst nicht vor.
Hilft der „Bau-Turbo“?

Große Hoffnungen ruhen auf dem sogenannten „Bau-Turbo“, den der Bund im vergangenen Jahr eingeführt hat. Er soll Genehmigungsverfahren beschleunigen. Tatsächlich ziehen die Genehmigungen an: Von Januar bis August 2026 wurden laut Statistischem Bundesamt 12,1 Prozent mehr Wohnungen genehmigt als im Vorjahreszeitraum.
Doch genehmigt heißt noch lange nicht gebaut. Ende 2025 gab es laut Destatis rund 760.700 genehmigte, aber noch nicht fertiggestellte Wohnungen. Rund 35.700 Baugenehmigungen erloschen 2025 sogar – so viele wie seit 2002 nicht mehr.
Auch die Wohnungswirtschaft ist skeptisch. Axel Gedaschko, Präsident des Branchenverbands GdW, sagte laut dpa, der Bau-Turbo könne Genehmigungen zwar beschleunigen. Viele genehmigte Projekte ließen sich aber zu bezahlbaren Mieten nicht finanzieren. Auch im sozialen Wohnungsbau verschlechtere sich die Lage. Für Mieter heißt das: Auf spürbare Entlastung müssen sie wohl noch länger warten.
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