Ein grauer Morgen in Rostock, die dicken Mauern des Landgerichts werfen lange Schatten – drinnen warten Journalist:innen und Zuschauer:innen gebannt auf neue Puzzleteile im rätselhaften Fall Fabian. Noch ahnt niemand, welche Wendung der mittlerweile 15. Verhandlungstag nehmen wird.
Stiller Gerichtssaal, gespannte Mienen

Der Sitzungssaal füllt sich schon vor 9 Uhr bis auf den letzten Platz. Freund:innen und Bekannte der Angeklagten Gina H. rücken nervös auf harten Holzbänken zusammen, während acht geladene Zeugen leise tuscheln. Die Stimmung ist elektrisierend – jede*r weiß, dass die Indizienkette gegen die 30-Jährige zuletzt immer dichter geworden ist. Doch auch Zweifel schweben im Raum: War wirklich sie allein am idyllischen Tümpel von Klein Upahl?
Als die Angeklagte schließlich eintritt, senkt sie wie gewohnt den Blick hinter der roten Mappe. Mal abwesend, mal fast schmunzelnd, notiert sie hektisch in ihr Spiralheft. Dieses wechselhafte Auftreten sorgt erneut für Gemurmel auf der Besuchertribüne – ein Verhalten, das viele als Ausdruck kühler Distanz und andere als puren Selbstschutz deuten.
Zeugenberichte-Mosaik: Nächtliche Fahrten und flackernde Alibis

Der Tag gehört zunächst den Zeugen. Eine ehemalige Schulfreundin beschreibt eine nächtliche Autofahrt nur Stunden nach Fabians Verschwinden – die Route soll über genau jenen Feldweg geführt haben, an dessen Ende später die verbrannte Kinderleiche lag. Ein früherer Arbeitskollege erinnert sich an Whatsapp-Chats, in denen Gina H. von „Höllenqualen“ sprach, weil ihr Ex-Partner – Fabians Vater – „alles zerstöre“. Ob bloße Metapher oder dunkle Drohung? Die Geschworenen tauschen verstohlene Blicke.
Besonders brisant wirkt die Aussage einer Gerichtshelferin: In ihrem Resozialisierungsbericht nennt sie die Angeklagte „impulsiv, aber kontrolliert, mit starkem Hang zur Selbstinszenierung“. Die kurze, sachliche Formulierung hallt minutenlang im Saal nach. Verteidiger Thomas L. versucht zwar, die Schilderungen als subjektiv abzuqualifizieren – doch der Eindruck, den die Worte hinterlassen, ist längst gesetzt.
Rekonstruktion des Grauens: Profiler zeichnet das letzte Bild

Erst am Nachmittag hebt sich der Vorhang für den Star dieses Prozesstages: den LKA-Profiler Dr. Mark Wegener. Mit ruhiger Stimme projiziert er eine 3-D-Simulation an die Wand. Punkt für Punkt zeigt die Animation, wie das Opfer laut Spurenauswertung zunächst erstochen, dann über brüchige Waldwege zum Wasserloch geschleift und schließlich angezündet wurde. Die Kombination aus Messerstichen, Brandlegung und der deplatzierten Kinderjacke lasse nur einen Schluss zu: „ein unbedingter Tötungswille“.
Doch Dr. Wegener hält das stärkste Detail bis zuletzt zurück. Erst in der letzten Minute offenbart er, dass an Fabians Turnschuhen Rußpartikel unterhalb der Sohle gefunden wurden – Spuren, die beweisen, dass der Junge noch lebte, als die Flammen entfacht wurden. Ein kollektives Schaudern geht durch den Gerichtssaal. Gina H. verharrt starr, das Gesicht diesmal völlig undurchdringlich. Für die Öffentlichkeit bleibt der Weg durchs Verfahren eine emotionale Achterbahnfahrt – doch für die Geschworenen rückt mit jeder Aussage das Bild einer wohlkalkulierten Beziehungstat unaufhaltsam näher.
Am Ende dieses Prozesstages verlässt das Publikum das Gerichtsgebäude in der Gewissheit, dass der Fall Fabian keine kalten Fakten, sondern brennende Fragen an unser Verständnis von Liebe, Hass und Schuld aufwirft – Antworten, die erst das Urteil in den kommenden Wochen liefern wird.